Dieses Jahr fand der Württembergische Imkertag fast direkt vor unserer Haustüre statt.

Der Ludwigsburger Verein hat bei der Organisation und Durchführung dieser Veranstaltung sehr gute Arbeit geleistet. Die Auswahl der Referenten und Themen der Vorträge war sehr gelungen. Trotz der eingeschränkten räumlichen Verhältnisse des Foyers war auch noch eine Austellung möglich, die eine breite Auswahl geboten hat: Von Gläsern und Flaschen bis zum fertigen Met und von Beuten aus der Behindertenwerkstatt bis zur Profischleuder.

Samstag 13.04.2019

Geplante Schulungsinitiativen, Ablauf von Honiguntersuchungen und der Start des VSH-Projekts
Dr. Peter Rosenkranz, Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim

Neues aus der Hohenheimer Varroa-Forschung
Dr. Bettina Ziegelmann, Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim

Naturnahe Varroabehandlung
Christian Dreher, Fachberater für Imkerei, LLH Bieneninstitut Kirchhain (llh.hessen.de)

  • DeBiMo-Imker liefern repräsentative Daten zu Überwinterungsverlusten o.ä.
  • Verlustursachen und biotechnische Behandlungsstrategien
    • Pflanzenschutzmittel und Beutentyp hat kaum Einfluss
    • Viren spielen große Rolle
    • Varroa bei Winterbienen entscheidend
    • Völkerdichte reduzieren und kontinuierlich jedes Volk kontrollieren
    • Versuch von Seeley: beste Chance für Volk, das abgeschwärmt ist und danach wieder weiselrichtig wurde (Brutpause)
    • Künstliche Brutunterbrechung ist gutes biotechnisches Verfahren zur Reduzierung des Varroabefalls (siehe Flyer 1 von Kirchhain)
    • Ameisensäure wirkt gut, ist aber witterungsabhängig
    • Oxalsäure wirkt gut, aber nur bei Brutfreiheit (Oxuvar 5,7% sprühen, Oxybee träufeln)
    • Brutunterbrechung auch spät im Jahr noch möglich, jedoch nur sinnvoll, wenn es aufgrund des Befalls nötig wird

Naturnahe Varroabehandlung

Schlusswort

Pestizide – eine Gefahr für die Insekten? Kenntnisstand und Lösungsansätze unter besonderer Berücksichtigung der Honigbiene
Priv. Doz. Dr. Werner Kratz, Freie Universität Berlin

  • Wirkstoffe werden meistens nicht alleine eingesetzt, sondern mit Formulierungsmitteln, deren Wirkung und Giftigkeit für Nützlinge häufig nicht detailliert untersucht ist
  • Neuartige Wirkstoffe sind um das ca. 10.000fache wirksamer als die Mittel in den 1960er Jahren
  • Vorstellung diverser Studien zu Wirkmechanismen und zur Risikobewertung
  • Neonikotinoide sind die weltweit am häufigsten eingesetzten Wirkstoffe, Aurelia-Stiftung und andere Gruppen aus dem Bereich der Imker haben sich erfolgreich für Verbote eingesetzt
  • Auch Ersatzstoffe für Neonikotionoide sind erheblich gefährlich für Bienen, Hummeln, etc.
  • Erläuterung der Zulassungen für Wirkstoffe und Präparate, Umweltbundesamt und Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit haben wesentliche Aufgaben
    • Zulassung meist als Einzelstoff, aber Einsatz als Wirkstoffkombination
    • Zulassungsverfahren haben viele Defizite
  • Ökosysteme haben inzwischen nicht mehr die Fähigkeit sich selbst zu korrigieren
  • Glyphosat bleibt ein Dauerbrenner
  • Artenvielfalt: Erhalt der natürlichen Ressourcen geht nicht nur die Landwirtschaft an, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe!

Ökologische Imkerei und warum ich Demeter-Imker bin!
Dipl.Ing.agr. Michael Weiler (der-Bienenfreund.de)

  • Billige Lebensmittel sind auch teuer, aber Kosten entstehen an anderer Stelle. Zum Beispiel durch die Schädigung der Umwelt.
  • Nach dem Import der Varroa 1976/1977 und der danach vollzogenen Zwangsbehandlung mit Chemie, kam es zu einer Gegenbewegung hin zur ökologischen Bienenhaltung.
  • 1989 wird die EU-Verordnung für den Ökologischen Landbau verabschiedet. Zuerst nur für den Landbau, eine Verordnung für Tierhaltung war in Vorbereitung und wurde 1999 verabschiedet.
  • Pragmatische Motive: keine Rückstände im Honig, etc.
  • 1995 wurden die Richtlinien für die Demeter-Imkerei verabschiedet
  • Rund 5.000 Völker in Deutschland bei Demeter zertifiziert
  • Völkervermehrung orientiert sich am Schwarmtrieb: „Der Schwarm ist die natürliche Art der Vermehrung“
  • Wabenbau im Brutraum: Naturwabenbau und keine Mittelwände, Anfangsstreifen sind erlaubt
  • Brutraum in der Regel mit hohen Rähmchenvarianten z.B. DNM 1,5x hoch
  • Absperrgitter sind nicht erlaubt
  • Im Honigraum sind Mittelwände erlaubt
  • Schwarmvorwegnahme: Königin und rund 2/3 der Bienen werden über Trichter in Feglingskasten gestoßen. Vorschwarm muss in den 2-3 Tagen Kellerhaft gefüttert werden (500g kandierter Honig). Schwarm wird dann vor dem Flugloch auf Brett oder Tuch abgestoßen und zieht durch das Flugloch ein.

Sonntag 14.04.2019

Die Intelligenz der Bienen bei ihrem Bestäubungsgeschäft
Prof. Dr. Dr. h.c. Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

Ursachen von Zunahme und Abnahme von Wildbienen in verschiedenen Habitaten in Deutschland
Prof. Dr. Susanne Renner, Ludwig-Maximilians-Universität in München

  • Rund 50% der Wildbienen in Deutschland sind auf den roten Listen und damit stark gefährdet
  • Mediterrane Bienen breiten sich aufgrund der Klimaerwärmung aus und Bienen aus dem Mittelmeerraum kommen auch bei uns an
  • Blauschwarze Holzbiene breitet sich derzeit stark aus, Gehörnte Mauerbiene breitet sich auch aus und bestehende Populationen nehmen zu
  • Natternkopf-Mauerbiene 1997 erstmals in Deutschland gefunden und inzwischen verbreitet
  • Breiten sich die Bienen wirklich aufgrund der Klimaerwärmung aus?
    • Botanische Gärten sind idealer Ort für die Erhebung von Veränderungen, da die Verhältnisse über viele Jahre stabil und kontrollierbar sind
    • Beispiel Botanischer Garten München
      • Vor 20 Jahren wurden Bienen in einer Diplomarbeit erfasst
      • Jetzt neue Masterarbeit zum Vergleich mit diesen Daten
      • Verloren sind 3 Arten (kälteliebend), hinzu kamen 15 Arten (wärmeliebend), 106 Arten in Summe
      • Plausibelste Erklärung für diese Veränderung ist die Klimaänderung
    • Andere Untersuchung in den Isarauen zeigt dort massive Abnahme der Arten
  • Seit 40 Jahren gibt es das Monitoring, auf dem die Daten der roten Listen aufbauen
  • Die gefährdeten Arten verteilen sich über viele Gruppen, Vorkommen, etc.,
  • Habitate haben großen Einfluss: In den Städten vorkommende Wildbienenarten haben eine 3fach geringere Aussterbenswahrscheinlichkeit
  • Positive Einflüsse: breite Habitatansprüche (versus Habitatspezialisten) und längere Flugzeit
  • Flugzeit im Frühjahr bedeutet viel geringeres Risiko für das Aussterben als Flugzeit im Herbst
  • 92% der 561 Arten sind zwischen 4,5mm und 13,5mm groß. Wie weit können sie fliegen? Markiert wurden im Botanischen Garten rund 2.700 Bienen mit Opalitplättchen. Flugdistanz zwischen 73m und 121m (etwa Größe von Fußballfeld). Das heißt, dass die Weibchen nicht sehr weit fliegen, um ihre Brut zu pflegen.
  • Faktoren für Risiko
    • Spät fliegen ist schlecht
    • Stadt besser als Land
    • Flugdistanz bis etwa 120m
  • Konkurrenz von Honigbienen hat wahrscheinlich keinen Einfluss (Honigbienendichte im Bereich des Botanischen Garten stabil und dennoch Zunahme der Wildbienen dort; wird über weitere Studien noch weiter untersucht)
  • Entgegen der Erwartung besteht für oligolektische Bienen statistisch kein deutlich erhöhtes Risiko
  • Bienenmasse ist Faktor für die Ernährung der Vögel, ggfs. hat Rückgang der Insekten insgesamt den Druck erhöht, dass Vögel verstärkt Wild- und Honigbienen als Nahrung nutzen.
  • Kurzes Gespräch von Prof. Dr. Renner mit Prof. Dr. Menzel im Rahmen der Fragerunde: Vielleicht hat die Konkurrenz im Spätsommer/Herbst doch Einfluss, wobei die Imker aber in dieser Zeit zufüttern. Ggfs. ist die Konkurrenz doch ein Faktor und es besteht Einigkeit, dass noch weitere Untersuchungen erforderlich sind.
  • Prof. Dr. Menzel: Individuen von Honigbienen und Hummeln sind etwas weniger empfindlich gegenüber Pestiziden als Solitärbienen
  • Gerd Molter: Verein Ludwigsburg vor 80 Jahren rund 120 Mitglieder und 1.500 Bienenvölker, heute sind es 300 Mitglieder und immer noch rund 1.500 Völker. D.h. das deutet nicht darauf hin, dass die Konkurrenz entscheidend für den Rückgang der Wildbienen in dieser Zeit war.

Rückgang der Völkerzahlen bei Honigbienen in Bayern

Nachhaltige Landwirtschaft und Bodenpflege
Prof. Dr. Johann Zaller, Institut für Zoologie, Universität für Bodenkultur in Wien

  • Was ist nachhaltige Landwirtschaft?
    • Ziele für nachhaltige Entwicklung wurden weltweit definiert
    • Aktuelle Bedürfnisse befriedigen, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen das noch können
    • „Gute landwirtschaftliche Praxis“
  • Wie ist die Realität?
    • Steigende Düngermenge bei gleichbleibenden Erträgen: nur 50% der Düngermenge ist ertragswirksam und Rest landet beispielsweise als Nitrat im Grundwasser, aktuelle Diskussion zur Reduzierung des Düngereinsatzes um 20% sollte also akzeptabel sein und nicht so kontrovers diskutiert werden
    • Gülle-Exporte: etwa 90% der Sojaproduktion ist für Massentierhaltung bestimmt, d.h. im Bereich der Häfen in Norddeutschland wird sehr viel Massentierhaltung praktiziert und folgerichtig entstehen problematisch hohe Mengen von Gülle
    • Pestizidmengen in Flüssen und Kleingewässern nehmen zu, d.h. so werden auch die Schadstoffe verteilt
    • Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel: 10% der Emmission von Klimagasen in Europa aus der Landwirtschaft, noch ohne Berücksichtigung des Transports von Futtermitteln nach Europa
    • Verunreinigung des Honigs z.B. mit Neonics
    • Dramatischer Rückgang der Insekten (Bezug Krefelder Studie), -75% Biomasse in 27 Jahren zurückgegangen und das bei Untersuchung in Naturschutzgebieten, Ursachen multifaktoriell
    • Zusammenfassung von 73 Studien: Prognose, dass etwa 40% der Insekten in den nächsten 40 Jahren verloren gehen (Faktoren in Reihenfolge der Bedeutung: intensive Landwirtschaft, Pestizide, biologische Ursachen, Verbauung, Dünger, etc.)
  • Was macht Boden schützenswert?
    • Ein Viertel aller Organismen leben im Boden (unter einem Hektar rund 15 Tonnen Bodenlebewesen)
    • Dienstleistungen des Bodens am Menschen: Lebenserhaltungen (Nährstoffkreisläufe, Mikrosymbionten, Zersetzung) und Regulation von Ökosystem-Prozessen (Bodenstruktur, Krankheiten und Schädlinge und deren Gegenspieler, Pufferung)
  • Zusammenspiel unterirdisch-oberirdisch
    • Ökosystemingenieure wie Regenwürmer verbessern Bodenstruktur, tote Bodentiere bieten Nährstoffe, etc.
    • Regenwürmer reduzieren Pflanzenkrankheiten
    • Regenwürmer beeinflussen Schnecken durch Verbesserung der Ernährung für Pflanzen, Reduktion des Schneckenfrasses um rund 23%, Pflanzen waren in der Lage sekundäre Pflanzenstoffe gegen Schnecken zu bilden
    • Regenwürmer verbessern Wasserinfiltration des Bodens
    • Regenwürmer gehen sehr stark zurück, Studie in England seit 1843 zeigt Abnahme durch Düngung
  • Bodenerosion: Boden ist nicht erneuerbar, Bodenbildung 1-2 Tonnen pro Jahr und Hektar, bei Maisnutzung geht bis zur 10fachen Menge pro Jahr verloren
  • Herbizide können mechanische Beikrautkontrolle nicht ersetzen
  • Studie zeigte, dass sich Regenwurmbestände schnell erholen können, wenn Verhältnisse verbessert werden
  • Karriere von Glyphosat: erstes Patent als Rohrreiniger, dann Herbizid, dann Antibiotikum => ganz massiver Einfluss auf Lebewesen
  • Bodenverbrauch auch abseits der Landwirtschaft: Siedlung, Verkehr, Gewerbe/Industrie (täglich 62 Hektar)
  • Nachhaltige Fleischproduktion: Verbesserung unbedingt erforderlich
  • Biolandbau produziert etwa 40% weniger Treibhausgase pro Hektar als konventionell bewirtschaftete Flächen, Bioanteil in der Landwirtschaft ist nach wie vor sehr gering (Europa 5,7%, weltweit nur 0,8%)
  • Was kosten unsere Lebensmittel wirklich? Preisaufschläge bei Berücksichtigung der Folgekosten:
    • Tierische Produkte plus 196%
    • Milch plus 96%
    • Pflanzliche Produkte plus 28%
  • Bienenfreundliche Gartengestaltung ist wichtig, fällt aber insgesamt kaum ins Gewicht
  • Was es braucht (insbesondere den politischen Willen, das auch umzusetzen):
    • Kleinstruktuierte nachhaltige Landwirtschaft
    • Pestizidverbrauch reduzieren
    • Maßnahmen gegen Bodenverbrauch

Landwirtschaft ist der Versuch, die Sonne zu ernten. Heute sind die Systeme aber weniger effizient wie früher.

Pestizidrückstände in europäischen Böden